Von russischen Spätgesängen und Balkonkräutern mit Beilagen
Vor ein paar Jahren ist in der Wohnung über uns ein junges russisches Pärchen eingezogen. Sie sind wirklich nett und überdies auch sehr adrett, aber ein paar Eigenarten haben sie, die uns schier zur Verzweiflung treiben ... Gleich der Einzug wurde – nach einer sechswöchigen Renovierungsphase – mit einem rauschenden Fest gefeiert. Das heißt im Klartext, ca. 25 feierlustige russische Mitbürger sind ins Haus eingefallen und haben eine Party gefeiert, die man nur schwer überbieten kann. Wir denken mal, Vodka floss in rauhen Mengen, auch einige Jackie-Flaschen wurden gesichtet. Ab einem gewissen Alkoholpegel fing die Partycrew lautstark an zu singen, und zu noch späterer Stunde wurde der Gesang durch kollektives Aufstampfen auf den Boden begleitet. Nun muss man wissen, dass es sich um eine Altbauwohnung handelt und die Zwischendecken hohl sind. Es grenzt an ein Wunder, dass die Zimmerdecke, wohlgemerkt ca. 1,20 m direkt über unseren Köpfen, stand gehalten hat. Aber die Nacht ging vorüber, zwar schlaflos, aber man kann ja mal ein Auge zudrücken, bzw. in dieser Nacht nicht wirklich ... Dass daraus viele Augen werden sollten, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die allwochenendlichen Trink-, Gesangs- und Stampforgien scheinen wirklich tief in der russischen Kultur verankert zu sein. Pünktlich jeden Freitag und Samstag Abend fielen die Horden wieder über uns ein. Nun ja, es hat ca. 2 Jahre gedauert, bis wir die Nachbarn endlich – durch gutes Zureden, unzähligen Anrufen ab 2 Uhr nachts und Flyer-Einwürfen von Karaoke-Bars und Discos in der Stadt – so weit hatten, die Feierei aufzugeben. Zumindest verfügen wir jetzt über ein beträchtliches Repertoire an russischem Liedgut. Endlich wieder ruhige Nächte mit der Option auf süße Träume an den Wochenenden und vor den Feiertagen! Dachten wir ... Dass die Russen auch ein überaus reinliches Volk sein dürften, wurde uns erst durch die ausgiebigen Wäschemarathons des jungen Pärchens bewusst. Von morgens um 7 Uhr bis teilweise nachts um eins liefen nun Waschmaschine und Trockner im Duett und versuchten sich gegenseitig an Dröhnung zu überbieten. (Die hatten wir vorher im Partylärm wahrscheinlich schlicht und ergreifend nicht wahrgenommen.) Und zwar tagtäglich, tagein, tagaus! Schade nur, daß die Vibrationen und das dumpfe Brummgeräusch durch die hohle Decke so richtig schön Schall gewinnt und der sich vor allem in den Kissen im Schlafzimmer darunter so richtig wohl fühlt. Nach ca. zwei bis vier weiteren Jahren hatten wir sie dann auch soweit, nach 21 Uhr der Waschmaschine und dem Trockner auch mal eine Pause zu gönnen. Bei all den bisherigen Tumult sehen wir großzügig über die geschnitten Finger- und Fußnägel und über die Zigarettenasche hinweg, die sich in meinen Kräutern auf dem Balkon unter dem ihrigen in regelmäßigen Abständen auffinden lassen. Das Baby, das jetzt ein halbes Jahr alt ist, verhält sich jedoch unglaublich ruhig. Nur selten hört man es schreien. Viel öfter den Papa, der sein Kind mit brunftähnlichen Geräuschen zu unterhalten versucht. Der kleine Wonneproppen ist dadurch wahrscheinlich so eingeschüchtert, dass er sich gar nicht traut zu meckern. Jaja, die lieben Nachbarn über uns ... aber nett sind sind ja eigentlich schon, und lernfähig (wenn auch seeehr langsam) anscheinend auch …
(Kolumne "I like lifestyle" Herbstausgabe 2011)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen