Mittwoch, 25. Juni 2014

Netzfundstück oder

Wer braucht schon einen Priester?


Die Beichte ist in den letzten Jahrzehnten doch ziemlich aus der Mode gekommen. Ich erinnere mich noch an meine Kindertage, als es üblich war, einmal in der Woche am Beichtstuhl Schlange zu stehen, um dann hinter einem Vorhang alle seine – damals doch eher kleinen – Sünden reumütig zu gestehen. Mittlerweile ist es out in die Kirche zu gehen, aber es scheint ein Bedürfnis der Menschen zu sein, sich die Missetaten von der Seele zu reden und dadurch im besten Falle auch Erleichterung zu erlangen. Das ist nun anonym und virtuell möglich: im www.beichthaus.com. Hier wird hemmungslos gebeichtet, was das Gewissen belastet. Jeder kann mitlesen und sich sein eigenes Urteil über die Sünden der anderen bilden. Dass da der eine oder andere Lacher dabei ist, davon kann man ausgehen. So beichtet ein äußerst übler Mitbürger, dass er im Küchen-Einrichtungshaus böswillig alle Herde mit graphischem Menü auf kyrillisch umgestellt hat. Ein 23-jähriger Geschichtsstudent, gesteht, dass er sich mit seinem selbst gehäkelten Clown regelmäßig unterhält und ihm das Amt des Innenministers verliehen hat. Ein eifersüchtiger Bruder schildert im Detail, wie er freche Facebook-Sprüche seiner hübschen Schwester anonym an die Eltern geschickt hat. Auch die Rache eines Haustechnikers in einem Nobelhotel liest sich recht amüsant. Weil ein arabischer Scheich ihm fürs Koffer schleppen kein Trinkgeld gegeben hatte, hat er kurzerhand den Pfeil, der zu Orientierung nach Mekka deuteten sollte, verdreht. So hat der Scheich – ich zitiere wörtlich – „jeden Tag mit dem Arsch nach Mekka gebetet“. Diese Tat hält sicherlich ein Plätzchen in der Hölle bereit! Während ich mich an den Sünden der anderen ergötze, frage ich mich, was ich denn zu beichten hätte und mir fällt sofort eine Missetat ein. Bei unserem Umzug hatte ich einen Sack mit Müll vor’s Haus gestellt. Da darin eine Essigflasche lag, die ausgelaufen war, habe ich diesen Sack nicht wie geplant zur Müllsammelstelle gebracht, weil die Mülltonnen bereits restlos mit unseren Tapetenresten vollgestopft waren, sondern erst mal stehen lassen. Kurzerhand packte ich schließlich den schweren Sack und habe ihn in die anonyme Einfahrt geschleift, nicht wissend, dass ich dabei eine schöne Essigspur hinter mir hergezogen hatte, die von unserem Fenster sehr deutlich über den ganzen Gehsteig bis in die Einfahrt reichte. Unser ungeliebter Hausmeister, der regelmäßig bei uns Sturm geklingelt hat und eher weniger nett zur Hofreinigung aufgerufen hatte, stand nicht viel später vor der Tür und hatte das Geschehen natürlich eindringlich zu beanstanden. Ich wusste ja von meiner Sünde, die ich begangen hatte, mein Freund jedoch nicht. Deshalb brachte er seine Gegenwehr auch richtig glaubwürdig vor und behauptete lautstark, wie seien das nicht gewesen! Ich stand im Flur und musste grinsen. Der Hausmeister hat sich schnell getrollt, wohlwissend, dass es hier keinerlei wirklich stichhaltige Beweise gibt und auch etwas ängstlich, da er von uns nicht mit so einer Gegenwehr gerechnet hatte, wo wir doch bisher immer brav seinen stumklingelnden Ermahnungen nachgekommen sind. Meine Rache an den Hausmeister saß und mein Freund hatte endlich Gelegenheit, sich bei dem stressigen Umzug mal so richtig schön abzureagieren. Wir müssen heute noch darüber lachen. Aber seid gewiss, liebe Leser, ich weiß genau, dass das boshaft, hintertrieben und gemein war und werde mindestens drei „Vater unser“ beten! 

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