Wer braucht schon einen Priester?
Die
Beichte ist in den letzten Jahrzehnten doch ziemlich aus der Mode
gekommen. Ich erinnere mich noch an meine Kindertage, als es üblich
war, einmal in der Woche am Beichtstuhl Schlange zu stehen, um dann
hinter einem Vorhang alle seine – damals doch eher kleinen –
Sünden reumütig zu gestehen. Mittlerweile ist es out in die Kirche
zu gehen, aber es scheint ein Bedürfnis der Menschen zu sein, sich
die Missetaten von der Seele zu reden und dadurch im besten Falle
auch Erleichterung zu erlangen. Das ist nun anonym und virtuell
möglich: im www.beichthaus.com. Hier wird hemmungslos gebeichtet, was
das Gewissen belastet. Jeder kann mitlesen und sich sein eigenes
Urteil über die Sünden der anderen bilden. Dass da der eine oder
andere Lacher dabei ist, davon kann man ausgehen. So beichtet ein
äußerst übler Mitbürger, dass er im Küchen-Einrichtungshaus
böswillig alle Herde mit graphischem Menü auf kyrillisch umgestellt
hat. Ein 23-jähriger Geschichtsstudent, gesteht, dass er sich mit
seinem selbst gehäkelten Clown regelmäßig unterhält und ihm das
Amt des Innenministers verliehen hat. Ein eifersüchtiger Bruder
schildert im Detail, wie er freche Facebook-Sprüche seiner hübschen
Schwester anonym an die Eltern geschickt hat. Auch die Rache eines
Haustechnikers in einem Nobelhotel liest sich recht amüsant. Weil
ein arabischer Scheich ihm fürs Koffer schleppen kein Trinkgeld
gegeben hatte, hat er kurzerhand den Pfeil, der zu Orientierung nach
Mekka deuteten sollte, verdreht. So hat der Scheich – ich zitiere
wörtlich – „jeden Tag mit dem Arsch nach Mekka gebetet“. Diese
Tat hält sicherlich ein Plätzchen in der Hölle bereit! Während
ich mich an den Sünden der anderen ergötze, frage ich mich, was ich
denn zu beichten hätte und mir fällt sofort eine Missetat ein. Bei
unserem Umzug hatte ich einen Sack mit Müll vor’s Haus gestellt.
Da darin eine Essigflasche lag, die ausgelaufen war, habe ich diesen
Sack nicht wie geplant zur Müllsammelstelle gebracht, weil die
Mülltonnen bereits restlos mit unseren Tapetenresten vollgestopft
waren, sondern erst mal stehen lassen. Kurzerhand packte ich schließlich den
schweren Sack und habe ihn in die anonyme Einfahrt geschleift, nicht wissend,
dass ich dabei eine schöne Essigspur hinter mir hergezogen hatte,
die von unserem Fenster sehr deutlich über den ganzen Gehsteig bis
in die Einfahrt reichte. Unser ungeliebter Hausmeister, der
regelmäßig bei uns Sturm geklingelt hat und eher weniger nett zur
Hofreinigung aufgerufen hatte, stand nicht viel später vor der Tür
und hatte das Geschehen natürlich eindringlich zu beanstanden. Ich
wusste ja von meiner Sünde, die ich begangen hatte, mein Freund
jedoch nicht. Deshalb brachte er seine Gegenwehr auch richtig
glaubwürdig vor und behauptete lautstark, wie seien das nicht
gewesen! Ich stand im Flur und musste grinsen. Der Hausmeister hat sich schnell getrollt, wohlwissend, dass es hier keinerlei wirklich stichhaltige Beweise gibt und auch etwas ängstlich, da er von uns nicht mit so einer Gegenwehr gerechnet hatte, wo wir doch bisher immer brav seinen stumklingelnden Ermahnungen nachgekommen sind. Meine Rache an den
Hausmeister saß und
mein Freund hatte endlich Gelegenheit, sich bei dem stressigen Umzug mal so richtig schön abzureagieren. Wir müssen heute noch
darüber lachen. Aber seid gewiss, liebe Leser, ich weiß genau, dass
das boshaft, hintertrieben und gemein war und werde mindestens drei
„Vater unser“ beten!
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